Diese Frage erreicht mich öfter, als ich erwartet hätte. Und meistens kommt sie von jemandem, der gerade eine neue Website plant, ein erstes Angebot von einer Agentur bekommen hat, und nun unsicher ist, ob die empfohlene Technologie wirklich die richtige ist – oder die, die der Dienstleister am besten beherrscht.
Ich versuche hier eine ehrliche Antwort zu geben. Nicht die, die eine bestimmte Technologie verkauft, sondern die, die Ihnen hilft, die Entscheidung für Ihren konkreten Fall selbst zu treffen.
Was beide Tools sind – und was sie nicht sind
WordPress ist seit 2003 auf dem Markt, betreibt heute über 40 Prozent aller Websites weltweit und ist das meistgenutzte Content-Management-System der Welt. Das ist keine Marketing-Aussage – das ist eine empirische Tatsache, die Konsequenzen hat: Es gibt weltweit einen riesigen Markt an Entwicklern, Agenturen und Freelancern, die WordPress beherrschen. Plugins für nahezu jeden Anwendungsfall existieren bereits. Und die Wahrscheinlichkeit, dass WordPress in zehn Jahren noch existiert und gewartet wird, ist sehr hoch.
Framer ist etwas grundlegend anderes. Es ist primär ein Design-Tool, das sich in der letzten Zeit zu einer vollständigen Website-Plattform weiterentwickelt hat. Designer können darin visuell arbeiten, Animationen bauen, Interaktionen definieren – und das Ergebnis direkt als funktionierende Website publizieren. Framer ist für die Zielgruppe dieses Artikels vergleichsweise neu, wächst schnell und hat in der Design-Community eine loyale Anhängerschaft.
Der entscheidende Unterschied: WordPress ist eine Software, die auf einem Server betrieben wird, den Sie oder Ihr Dienstleister kontrolliert. Framer ist ein gehosteter Dienst – das bedeutet, Ihre Website läuft auf Framers Infrastruktur, und Sie sind als Betreiber von deren Entscheidungen abhängig.
Was für Framer spricht
Framer-Websites sehen in der Regel sehr gut aus. Das liegt daran, dass das Tool von Designern für Designer gebaut wurde – Animationen, Übergänge, moderne Layout-Konzepte sind in Framer einfacher umzusetzen als in WordPress. Wenn Sie eine Agentur, ein Beratungsunternehmen oder ein Unternehmen mit hohem Anspruch an visuelle Wirkung sind und keine komplexen Redaktionsprozesse brauchen, kann Framer die schnellere und in der Umsetzung günstigere Wahl sein.
Framer ist auch für kleinere Teams attraktiv, die ihre Website selbst pflegen wollen, ohne technisches Vorwissen vorauszusetzen. Die Oberfläche ist zugänglicher als das klassische WordPress-Backend, und für Websites mit überschaubarem Inhaltsumfang – Leistungsseiten, Team, Referenzen, Kontakt – reicht das in vielen Fällen aus.
Ein weiterer Vorteil: Performance. Framer-Websites laden schnell, weil die Plattform die technische Optimierung übernimmt. Core Web Vitals, die Google für das Ranking heranzieht, sind bei Framer-Websites in der Regel gut – ohne dass Sie sich darum kümmern müssen.
Was gegen Framer spricht – und was oft verschwiegen wird
Framer ist ein US-amerikanischer Dienst. Ihre Website-Daten, Formulareingaben und Nutzerinteraktionen laufen über Framers Infrastruktur. Für die meisten Marketing-Websites ist das kein akutes Problem, aber es ist eine Abhängigkeit, die man benennen sollte: Sie haben keine Kontrolle darüber, wo Ihre Daten gespeichert werden, was passiert, wenn Framer seine Preise ändert, oder was mit Ihrer Website passiert, wenn Framer als Unternehmen eine andere Richtung einschlägt.
Der Anbieter-Lock-in ist real. Eine Framer-Website ist in Framer gebaut – sie lässt sich nicht ohne erheblichen Aufwand zu einer anderen Plattform migrieren. Bei WordPress ist das anders: Der Quellcode gehört Ihnen, die Datenbank gehört Ihnen, und Sie können zu einem anderen Hoster oder einem anderen Dienstleister wechseln, wann immer Sie es möchten.
Framer hat außerdem klare Grenzen, sobald die Anforderungen wachsen. Mehrsprachigkeit ist möglich, aber aufwändig. Komplexere Inhaltsstrukturen – etwa ein Produktkatalog, ein Newsroom mit hunderten Artikeln, oder ein Kundenbereich – sind entweder gar nicht oder nur mit erheblichem Zusatzaufwand abbildbar. Wer heute mit einer einfachen Framer-Website startet und in zwei Jahren eine mehrsprachige Plattform mit angebundenem CRM braucht, wird wahrscheinlich neu bauen.
Was für WordPress spricht
WordPress ist in der Breite das flexiblere System. Es gibt kaum eine Website-Anforderung, die sich mit WordPress nicht abbilden lässt – von der einfachen Unternehmenswebsite bis zum mehrsprachigen Intranet, vom Blog bis zum Shop. Das Plugin-Ökosystem, so unübersichtlich es manchmal ist, deckt die meisten Standardanforderungen ab, ohne dass dafür individuelle Entwicklung nötig wäre.
Besonders relevant für mittelständische Betriebe: Die Redaktionsebene. Wenn mehrere Personen Inhalte pflegen, Beiträge freigeben und aktualisieren sollen – und das ohne technisches Vorwissen –, ist WordPress in dieser Disziplin seit Jahren gut eingespielt. Rollen, Berechtigungen, Redaktionsworkflows, Versionierung von Inhalten: alles vorhanden.
Und wenn Ihre Website wächst – mehr Seiten, mehr Sprachen, Integration eines Shops, Anbindung an ein CRM oder ERP –, bleibt WordPress die Plattform, die das ohne grundlegende Umarchitektur mitträgt. Das ist ein Wert, der sich nicht in einem Preisvergleich zeigt, aber in der Praxis oft entscheidend ist.
Die Frage, die ich meinen Kunden stelle
Wenn jemand zu mir kommt und diese Entscheidung treffen muss, stelle ich eine Frage: Was soll diese Website in drei Jahren können?
Wenn die Antwort lautet: ungefähr dasselbe wie heute, nur mit aktualisierten Inhalten und vielleicht einer neuen Referenz – dann ist Framer eine legitime Option, besonders wenn Design und schnelle Umsetzung im Vordergrund stehen.
Wenn die Antwort lautet: wir wollen einen Blog aufbauen, mehrsprachig werden, unseren Shop integrieren oder unseren Kunden einen eigenen Bereich geben – dann ist WordPress die stabilere Investition, weil die Architektur diese Erweiterungen von Anfang an vorsieht.
Und wenn die Antwort lautet: wir wissen es noch nicht genau – dann empfehle ich WordPress. Nicht weil es das aufregendere Tool ist, sondern weil es mehr Türen offen lässt.
Was ich nicht empfehle
Ich empfehle auf jeden Fall, die Website nicht mit einem Page Builder wie Elementor oder Divi auf WordPress aufzusetzen. Diese Tools versprechen visuelle Flexibilität, bauen aber strukturellen Overhead auf, der die Performance belastet, Updates erschwert und die Website langfristig schwerer wartbar macht. Wer WordPress richtig nutzen will, setzt auf ein sauberes Theme oder eine Headless-Architektur mit NextJS als Frontend – mehr Aufwand in der Einrichtung, aber deutlich zukunftsfähiger.
Ebenso empfehle ich, die Entscheidung nicht ausschließlich am Preis der initialen Umsetzung zu treffen. Eine Framer-Website, die in einem Jahr wegen gewachsener Anforderungen neu gebaut werden muss, ist teurer als eine WordPress-Installation, die von Anfang an auf Erweiterbarkeit ausgelegt war.
Kurz gesagt
Framer ist ein gutes Werkzeug für Websites, die vor allem eines sein sollen: schnell, visuell stark und pflegbar ohne technisches Vorwissen. Es hat seinen Platz, besonders für Agenturen, Beratungen und Unternehmen mit stabilen, überschaubaren Website-Anforderungen.
WordPress ist die stärkere Wahl für alles, was wächst, was redaktionell betrieben wird, was in bestehende Systeme integriert werden soll, oder wo Datenkontrolle und Unabhängigkeit vom Anbieter eine Rolle spielen.
Wenn Sie sich nicht sicher sind, welche Kategorie Ihr Betrieb ist, fragen Sie mich – das ist genau das Gespräch, das ich gerne mit Ihnen führe.
