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In­house, Free­lan­cer oder Agen­tur: Wel­ches Mo­dell passt zu wel­cher Wachs­tums­pha­se?

In­house, Free­lan­cer oder Agen­tur – die Ant­wort hängt nicht von der Prä­fe­renz ab, son­dern von der Wachs­tums­pha­se. Vier Pha­sen, vier Mo­del­le, drei Si­gna­le für den rich­ti­gen Zeit­punkt zum Wech­seln.
6 Min. LesezeitMatthias RadscheitMatthias Radscheit
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Die fal­sche Fra­ge führt zur fal­schen Ant­wort

Wenn Grün­de­rin­nen oder CTOs uns fra­gen „Sol­len wir das in­house ma­chen, ei­nen Free­lan­cer ho­len oder eine Agen­tur be­auf­tra­gen?“, ist die Ant­wort fast nie ei­nes von drei­en. Sie ist meis­tens eine Rei­hen­fol­ge über die Zeit. Wel­che Rei­hen­fol­ge rich­tig ist, hängt da­von ab, in wel­cher Wachs­tums­pha­se ein Un­ter­neh­men ge­ra­de steht – und nicht von der ideo­lo­gi­schen Prä­fe­renz der Per­son, die fragt. Die meis­ten Fehl­ent­schei­dun­gen, die wir se­hen, kom­men da­her, dass je­mand das rich­ti­ge Mo­dell zur fal­schen Zeit wählt.

Die­ser Ar­ti­kel skiz­ziert vier ty­pi­sche Wachs­tums­pha­sen und er­klärt, wel­ches Mo­dell dar­in am ehes­ten funk­tio­niert, wor­an man er­kennt, dass es Zeit für ei­nen Wech­sel ist, und wel­che Misch­for­men in der Pra­xis am bes­ten lau­fen. Wir ar­gu­men­tie­ren aus der Er­fah­rung mit dut­zen­den Kun­den zwi­schen Pre-Seed-Start­up und 800-Per­so­nen-Mit­tel­ständ­ler – und mit dem Ein­ge­ständ­nis, dass auch wir nicht für jede Pha­se die rich­ti­ge Ant­wort sind.

Pha­se 1: Va­li­die­rung (0–10 Mit­ar­bei­ten­de)

In der frü­hen Va­li­die­rungs­pha­se geht es nicht um Ska­lie­rung, son­dern um Lern­ge­schwin­dig­keit. Du weißt noch nicht ge­nau, was du baust, weil du noch nicht si­cher weißt, was dei­ne Kun­den wol­len. Jede tech­ni­sche Ent­schei­dung soll­te des­halb dar­auf op­ti­miert sein, schnell wie­der ge­än­dert wer­den zu kön­nen. Eine Fest­an­stel­lung ist in die­ser Pha­se fast im­mer falsch – sie bin­det Cash und Per­so­nal­ka­pa­zi­tät in ei­ner Zeit, in der bei­des knapp und das Ri­si­ko hoch ist.

Was funk­tio­niert: Ein gu­ter Free­lan­cer oder eine klei­ne, schnel­le Agen­tur, die in zwei bis vier Wo­chen ei­nen Pro­to­typ baut. Du zahlst pro Sprint, du lernst, du ite­rierst. Die Lö­sung ist nicht per­fekt, aber sie lässt sich ver­wer­fen, wenn die An­nah­me nicht trägt. Wer in die­ser Pha­se eine Se­ni­or-Stel­le aus­schreibt, kauft sich ein Lia­bi­li­ty statt ei­nes Vor­teils – weil er die Per­son sechs Mo­na­te spä­ter we­der be­zah­len noch recht­fer­ti­gen kann, falls das Pro­dukt pi­vo­tie­ren muss.

Pha­se 2: Wachs­tum (10–50 Mit­ar­bei­ten­de)

So­bald das Pro­dukt ers­te Trac­tion zeigt und meh­re­re zah­len­de Kun­den hat, kippt das Bild. Jetzt geht es nicht mehr um die nächs­te Ite­ra­ti­on, son­dern um Sta­bi­li­tät und Ver­läss­lich­keit. Free­lan­cer rei­chen oft nicht mehr, weil sie nicht ga­ran­tiert ver­füg­bar sind, wenn et­was brennt. Eine rei­ne Agen­tur­lö­sung wird müh­sam, weil der Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Over­head steigt und du eine Per­son willst, die in dei­nem Stand-up sitzt.

In die­ser Pha­se lohnt sich die ers­te oder zwei­te fest­an­ge­stell­te tech­ni­sche Per­son – nicht zwangs­läu­fig ein Se­ni­or, aber je­mand mit vol­ler Auf­merk­sam­keit für dein Sys­tem. Par­al­lel dazu macht es Sinn, eine Agen­tur als Re­tai­ner zu hal­ten, die spe­zia­li­sier­te The­men ab­deckt, die dein in­ter­ner Mensch nicht je­den Tag braucht: Per­for­mance-Tu­ning, kom­ple­xe In­te­gra­tio­nen, De­sign­sys­tem-Pfle­ge. Das hy­bri­de Mo­dell ist hier fast im­mer das bes­te – nicht ent­we­der oder, son­dern bei­des ne­ben­ein­an­der.

Pha­se 3: Ska­lie­rung (50–250 Mit­ar­bei­ten­de)

Ab die­ser Grö­ße wird die Fra­ge kom­ple­xer, weil meh­re­re par­al­le­le Sys­te­me ent­ste­hen: die Mar­ke­ting-Site, das Pro­dukt selbst, viel­leicht ein Kun­den­por­tal, ein in­ter­nes Too­ling. Je­des hat ei­ge­ne An­for­de­run­gen, ei­ge­ne Stake­hol­der, ei­ge­ne Re­lease-Zy­klen. In­house-Teams wer­den grö­ßer und spe­zia­li­sier­ter, aber sie kön­nen sel­ten alle Spe­zi­al­the­men gleich­zei­tig be­die­nen. Wer ver­sucht, ein 12-Per­so­nen-Tech-Team für Mar­ke­ting, Pro­dukt, De­vOps und Spe­zi­al­the­men auf­zu­bau­en, baut ein teu­res Team mit gro­ßer Bench-Zeit.

Was funk­tio­niert: Ein de­di­zier­tes In­house-Team für das Kern­pro­dukt – plus eine oder zwei spe­zia­li­sier­te Agen­tu­ren für pe­ri­phe­re, aber wich­ti­ge Sys­te­me wie die Mar­ke­ting-Site und Lead-Ge­ne­rie­rung. Die Mar­ke­ting-Site ist meis­tens kein gu­tes In­house-Pro­jekt, weil sie eine an­de­re Ge­schwin­dig­keit, an­de­re Werk­zeu­ge und an­de­re An­sät­ze braucht als das Pro­dukt selbst. Ein Mar­ke­ting-Team, das auf eine ei­ge­ne tech­ni­sche Pipe­line an­ge­wie­sen ist, blo­ckiert sich per­ma­nent ge­gen das Pro­dukt­team – eine ex­ter­ne Agen­tur löst die­ses Kon­flikt­drei­eck oft ele­gan­ter.

Pha­se 4: Kon­so­li­die­rung (250+ Mit­ar­bei­ten­de)

Im Kon­zern oder ge­ho­be­nen Mit­tel­stand ver­schiebt sich die Fra­ge von „Wer baut das?“ zu „Wer steu­ert das?“. In­house-Teams sind in die­ser Grö­ßen­ord­nung nor­mal, oft mit ei­ge­nen Ar­chi­tekt:in­nen, Tech Leads und Platt­form-Teams. Agen­tu­ren wer­den sel­te­ner als Bau­er und häu­fi­ger als spe­zia­li­sier­te Er­gän­zung ge­braucht: für The­men, die in­tern nicht re­gel­mä­ßig ge­nug vor­kom­men, um ei­ge­ne Ex­per­ti­se auf­zu­bau­en, oder für Pro­jek­te mit ho­her ex­ter­ner Sicht­bar­keit, bei de­nen man sich Spit­zen-Know-how zu­kauft.

Free­lan­cer kom­men in die­ser Grö­ßen­ord­nung fast nur noch über Per­so­nal­ver­mitt­ler und Body-Lea­sing-Mo­del­le ins Spiel – aus Com­pli­ance-Grün­den, nicht aus Ef­fi­zi­enz. Wer hier gute Ex­ter­ne will, geht meis­tens an Agen­tu­ren mit mehr­köp­fi­gen Teams, die haft­bar ge­macht wer­den kön­nen und SLAs ein­hal­ten. Die Fra­ge „Free­lan­cer oder Agen­tur?“ wird in die­ser Pha­se fast im­mer zu­guns­ten der Agen­tur ent­schie­den, ein­fach weil die Ri­si­ko­ar­chi­tek­tur passt.

Die ty­pi­schen Fehl­ent­schei­dun­gen

Wir se­hen vier Mus­ter im­mer wie­der. Ers­tens: zu früh fest­an­stel­len. Ein 8-Per­so­nen-Start­up, das ei­nen Se­ni­or-Ent­wick­ler ein­stellt, be­vor das Pro­dukt Pro­duct-Mar­ket-Fit ge­fun­den hat, hat zwölf Mo­na­te spä­ter ein Per­so­nal­pro­blem. Zwei­tens: zu lan­ge bei Free­lan­cern blei­ben. Ein wach­sen­des Un­ter­neh­men, das mit drei ver­schie­de­nen Free­lan­cern ar­bei­tet, hat ir­gend­wann drei ver­schie­de­ne Code­sti­le, drei ver­schie­de­ne Ver­füg­bar­kei­ten und kein ge­mein­sa­mes Ver­ständ­nis der Ar­chi­tek­tur.

Drit­tens: al­les in­house ma­chen wol­len. Ein 50-Per­so­nen-Mit­tel­ständ­ler, der sei­ne Mar­ke­ting-Site mit dem in­ter­nen IT-Team baut, das ei­gent­lich für ERP und Ver­triebs­pro­zes­se zu­stän­dig ist, be­kommt eine Mar­ke­ting-Site, die wie eine ERP-Mas­ke aus­sieht. Vier­tens: zu spät ein hy­bri­des Mo­dell eta­blie­ren. Wer 100 Mit­ar­bei­ten­de hat und im­mer noch „al­les selbst macht“, un­ter­lässt nicht un­be­dingt eine In­ves­ti­ti­on in Ex­ter­nes – er be­zahlt sie nur in Form von ver­lo­re­ner Ge­schwin­dig­keit und ei­nem über­las­te­ten in­ter­nen Team.

Wann der Wech­sel fäl­lig ist

Es gibt drei zu­ver­läs­si­ge Si­gna­le da­für, dass das ak­tu­el­le Mo­dell nicht mehr passt. Ers­tens: Du war­test auf dei­nen Free­lan­cer oder dei­nen ein­zel­nen In­house-Ent­wick­ler, weil er über­las­tet, krank oder im Ur­laub ist. Wenn sich das mehr als zwei­mal pro Quar­tal wie­der­holt, ist die Ver­füg­bar­keit ein sys­te­mi­sches Pro­blem ge­wor­den – kei­ne Aus­nah­me. Zwei­tens: Du hast The­men, die nie­mand in dei­nem ak­tu­el­len Set­up be­ant­wor­ten kann – ty­pi­scher­wei­se Spe­zi­al­wis­sen wie Per­for­mance, Se­cu­ri­ty, Mehr­spra­chig­keit oder De­vOps. Drit­tens: Die Ge­schwin­dig­keit nimmt ab, ob­wohl du mehr Res­sour­cen ein­setzt. Das ist fast im­mer ein Struk­tur­pro­blem, kein Per­so­nal­pro­blem.

Wenn ei­nes die­ser drei Si­gna­le auf­tritt, lohnt sich kein neu­er Free­lan­cer und kei­ne zu­sätz­li­che Fest­an­stel­lung mehr – es lohnt sich ein Schritt zu­rück und eine ehr­li­che Fra­ge, ob das Mo­dell zur Pha­se passt. Manch­mal be­deu­tet das, eine Agen­tur da­zu­zu­neh­men. Manch­mal be­deu­tet es, ei­nen In­house-Tech-Lead auf­zu­bau­en. In bei­den Fäl­len ist die Kor­rek­tur früh güns­ti­ger als spät.

Zu­sam­men­fas­sung

In­house, Free­lan­cer und Agen­tur sind kei­ne kon­kur­rie­ren­den Op­tio­nen, son­dern Werk­zeu­ge für un­ter­schied­li­che Wachs­tums­pha­sen. In der Va­li­die­rungs­pha­se (0–10 Mit­ar­bei­ten­de) ge­win­nen Free­lan­cer oder klei­ne Agen­tu­ren, weil Ge­schwin­dig­keit und Fle­xi­bi­li­tät wich­ti­ger sind als Sta­bi­li­tät. In der Wachs­tums­pha­se (10–50) fängt eine ers­te Fest­an­stel­lung an, Sinn zu er­ge­ben – idea­ler­wei­se er­gänzt durch eine Agen­tur als Re­tai­ner. In der Ska­lie­rungs­pha­se (50–250) braucht es ein in­ter­nes Kern­team plus spe­zia­li­sier­te Agen­tu­ren für pe­ri­phe­re Sys­te­me. In der Kon­so­li­die­rungs­pha­se (250+) liegt das Schwer­ge­wicht in­tern, mit Agen­tu­ren als spe­zia­li­sier­te Er­gän­zung.

Die meis­ten Fehl­ent­schei­dun­gen ent­ste­hen, wenn je­mand das rich­ti­ge Mo­dell zur fal­schen Zeit wählt. Drei Si­gna­le zei­gen, dass ein Wech­sel fäl­lig ist: chro­nisch über­las­te­te Ein­zel­per­so­nen, feh­len­des Spe­zi­al­wis­sen im Team, und sin­ken­de Ge­schwin­dig­keit trotz stei­gen­der Res­sour­cen. Wer auf die­se Si­gna­le früh re­agiert, ver­mei­det die teu­ren Kor­rek­tu­ren spä­ter.

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