"Unsere Zielgruppe sind mittelständische Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitenden im DACH-Raum." Gut. Aber wer sitzt konkret am Laptop und entscheidet, ob deine Website überzeugend genug ist, um einen nächsten Schritt zu machen? Das ist keine Frage der Zielgruppe. Das ist eine Frage der Persona.
Beide Konzepte leben in vielen Teams in derselben Schublade. Das ist ein Problem – nicht weil es falsch gedacht ist, sondern weil es zu ungenauen Entscheidungen führt. Im Web-Kontext, wo jeder Satz, jede Überschrift und jede CTA-Formulierung zählt, ist diese Unschärfe teuer.
Was eine Zielgruppe wirklich ist – und was nicht
Eine Zielgruppe ist ein strategisches Konstrukt. Sie beschreibt ein Marktsegment anhand messbarer Kriterien: Branche, Unternehmensgröße, Umsatz, Standort, Buying-Center-Struktur. Sie beantwortet die Frage: Für wen ist dieses Angebot grundsätzlich relevant?
Das ist wichtig für Marktanalyse, Budgetplanung und Vertriebsstrategie. Aber es ist keine Grundlage für Texte. Du kannst nicht für "mittelständische Unternehmen im DACH-Raum" schreiben. Du schreibst immer für einen Menschen.
Zielgruppen sind außerdem kein statisches Konzept. Sie verschieben sich mit dem Markt, mit dem Produktportfolio, mit der Wettbewerbssituation. Was vor drei Jahren galt, muss heute nicht mehr stimmen. Viele Unternehmen arbeiten noch mit Zielgruppendefinitionen aus dem letzten Strategie-Workshop – der vor fünf Jahren stattfand.
Personas: konkreter, aber auch anfälliger
Eine Persona ist ein fiktiver, aber realitätsbasierter Charakter. Sie gibt dem abstrakten Marktsegment ein Gesicht. Konkreter Berufstitel, typische Tagesroutine, spezifische Probleme, Entscheidungskriterien, Informationsquellen. Die Persona beantwortet: Wer sitzt tatsächlich vor dem Bildschirm – und was treibt diese Person an?
Für einen Softwareanbieter im B2B könnte das ein CTO sein, der unter Druck steht: zu viele Legacy-Systeme, zu wenig Entwickler-Kapazität, ein Board, das digitale Transformation als Zauberwort benutzt, aber keine realistischen Timelines akzeptiert. Diese Person will keine Produktfeatures lesen. Sie will wissen, ob du ihr Problem verstehst.
Das Problem mit Personas: Sie werden oft erfunden statt erarbeitet. Brainstorming im Workshop, ein hübsches Template, ein Name dazu – fertig. Das Ergebnis klingt plausibel, trifft aber an keiner Stelle die Realität. Eine Persona, die nicht auf echten Interviews oder validierten Daten basiert, ist Marketing-Fiktion.
Wie viele Personas braucht man?
So wenige wie möglich. Im B2B-Kontext mit komplexen Buying-Centern gibt es oft mehrere Entscheider und Beeinflusser. Es ist legitim, für unterschiedliche Rollen separate Personas zu definieren – etwa eine für den technischen Evaluierer und eine für den wirtschaftlichen Entscheider. Aber mehr als drei bis vier Personas sind in der Praxis kaum handhabbar. Je mehr Personas, desto diffuser wird die Kommunikation.
Warum die Verwechslung so häufig passiert
In vielen Unternehmen macht Marketing die Zielgruppendefinition – und Website oder Kommunikation passiert dann irgendwo zwischen Marketing, Vertrieb und Geschäftsführung. Niemand ist explizit verantwortlich für die Persona. Deswegen werden Zielgruppenattribute einfach auf die Kommunikation übertragen: "Wir sprechen mittelständische Produktionsunternehmen an" wird zum Leitfaden für den Website-Text.
Das Ergebnis: generische Texte, die niemanden wirklich ansprechen. Die Website klingt nach Branche, nicht nach Problemlösung. Sie erklärt, was das Unternehmen tut, aber nicht, warum das für den Leser jetzt relevant ist.
Es gibt auch den umgekehrten Fehler: Teams, die intensiv Personas entwickeln, aber die strategische Zielgruppendefinition vernachlässigen. Sie kommunizieren präzise – aber an der falschen Adresse. Beides ist notwendig. Zielgruppe und Persona stehen in einer Hierarchie: Die Zielgruppe definiert den Rahmen, die Persona füllt ihn mit Leben.
Was das für die Website-Konzeption bedeutet
Wenn wir eine Website konzipieren, brauchen wir beides – aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Zielgruppe beeinflusst die strategische Positionierung: Welche Märkte adressieren wir, welche nicht? Was ist unser differenzierendes Versprechen gegenüber diesem Segment?
Die Persona steuert die inhaltliche und gestalterische Umsetzung: Welcher Ton trifft diese Person? Welche Fragen hat sie auf der Startseite? An welchem Punkt der Customer Journey landet sie, und was braucht sie, um den nächsten Schritt zu gehen? Struktur, Hierarchie, Sprache, Conversion-Pfad – all das folgt aus der Persona.
Ein häufiger Fehler in Website-Projekten: Man startet mit dem Design, bevor man diese Fragen beantwortet hat. Das sieht dann aus, als würde man ein Haus bauen, bevor man weiß, wer darin wohnt. Schön kann es trotzdem werden. Funktionieren wird es kaum.
Der praktische Ausgangspunkt
Wer eine Website ernsthaft überarbeiten oder neu konzipieren will, sollte mit zwei bis drei kurzen Interviews mit echten Kunden oder Leads beginnen. Nicht mit einem Fragebogen. Ein Gespräch, das tief geht: Wie haben die Entscheider das Problem beschrieben, bevor sie eine Lösung gesucht haben? Was hat sie überzeugt, was hat gezögert? Welche Alternativen hatten sie geprüft?
Aus diesen Gesprächen entstehen Personas, die tragen. Nicht als vollständige Charakterbiografien, sondern als verdichtete Perspektiven, die jeder im Team versteht und anwenden kann. Das ist der Unterschied zwischen einem Dokument, das nach dem Workshop in der Ablage verschwindet, und einem Werkzeug, das die Website-Konzeption tatsächlich prägt.
