Anlass ist kein Kriterium
Lies zehn Agenturseiten zum Stichwort Website-Relaunch und du bekommst zehnmal dieselbe Liste: Das Design wirkt alt, die Seite lädt zu langsam, auf dem Telefon zerfällt das Layout, die Rankings rutschen, das Redaktionssystem nervt. Alles richtig beobachtet. Nur steht auf dieser Liste kein einziges Kriterium. Es sind Anlässe. Ein Anlass erklärt, warum du gerade jetzt über einen Relaunch nachdenkst. Ein Kriterium erklärt, ob er die richtige Antwort ist. Zwischen beidem liegt ein guter Teil deines Jahresbudgets.
Ich drehe die Frage deshalb um. Nicht: Was stört mich an unserer Website? Sondern: Welche Veränderung willst du erreichen, und erzwingt sie wirklich eine neue Struktur? Fast jedes Symptom der obigen Liste lässt sich ohne Neubau beheben. Ein langsames Template tauscht man aus. Ein unbrauchbares Kontaktformular ersetzt man an einem Nachmittag. Selbst ein veraltetes Design lässt sich seitenweise erneuern, ohne dass eine einzige URL stirbt. Was sich nicht schrittweise beheben lässt, ist eine Informationsarchitektur, die an der falschen Stelle geschnitten wurde.
Iteration schlägt den Relaunch, solange Informationsarchitektur und Technologie tragen. Der Relaunch ist gerechtfertigt, wenn die Struktur selbst das Problem ist.
Dass eine Website nie fertig wird und Optimierung ein Prozess statt eines Projekts bleibt, habe ich an anderer Stelle hergeleitet: Warum eine Website nie fertig ist. Diesen Aufbau wiederhole ich hier nicht. Dieser Artikel liefert die Gegenrichtung, nämlich die Schwelle, ab der Iteration den Auftrag nicht mehr erfüllt.
Warum diese Unterscheidung so hartnäckig fehlt, hat einen banalen Grund: Ein Relaunch ist für die beauftragte Agentur das größere Projekt. Ein Ratgeber, der dich zur Iteration führt, verkauft einen Wartungsvertrag. Einer, der dich zum Neubau führt, verkauft ein Projekt. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Erklärung dafür, weshalb die Symptomliste so gleichförmig ausfällt. Ich mache die Gegenrechnung hier trotzdem auf. Ein Relaunch, der aus dem falschen Grund startet, wird zweimal bezahlt: einmal im Projekt und einmal in der Sichtbarkeit danach.
Dafür brauchst du drei Dinge, die zu diesem Thema fast nirgends zusammen stehen: die möglichen Wege sauber getrennt, ein Preisschild an jedem Weg und einen Zeitpreis. Der Zeitpreis ist der interessante Teil. Er beziffert, was dich der Relaunch an organischer Sichtbarkeit kostet, bevor er irgendetwas einbringt. Fangen wir mit den Wegen an.
Drei Wege, drei Preisschilder
Vorab: Relaunch ist kein Projekt, sondern drei sehr verschiedene Projekte unter einem Wort. Wer sie nicht trennt, vergleicht Angebote, die nichts miteinander zu tun haben, und wundert sich über Spannen von Faktor zehn.
Weg 1: Weiterentwickeln am Bestand. Struktur bleibt, URLs bleiben, Technologie bleibt. Du arbeitest in Etappen: Seitentypen einzeln erneuern, Ladezeit verbessern, Inhalte nachziehen, messen, wiederholen. Mein Kostenanker dafür ist ein Erfahrungswert aus unseren Projekten und keine Marktstatistik: Rechne mit 15 bis 20 Prozent der ursprünglichen Entwicklungskosten pro Jahr. Als laufende Betreuung entspricht das bei uns 2.000 bis 8.000 Euro im Monat. Soll die Iteration einen Relaunch tatsächlich ersetzen, liegst du am oberen Ende dieser Spanne, weil dann nicht gepflegt, sondern gebaut wird.
Weg 2: Teil-Relaunch bei stabiler URL-Struktur. Neues Design, neues Frontend, oft ein neues Redaktionssystem. Die Seitenlogik und damit das URL-Inventar bleiben unverändert. Das ist der Weg, den die meisten Mittelständler eigentlich meinen, wenn sie Relaunch sagen. Er sieht nach außen aus wie ein Neubau und ist innen ein Umbau.
Weg 3: Vollmigration. Neue Informationsarchitektur, neue URL-Struktur, zuweilen eine neue Domain. Alles wird angefasst, und genau deshalb kann alles kaputtgehen. Nur dieser Weg trägt das volle SEO-Risiko.
Wie erkennst du, auf welchem Weg du bist? An einer einzigen Frage: Ändert sich die Liste deiner Adressen? Bleiben alle URLs erhalten, bist du auf Weg 1 oder 2, und zwar unabhängig davon, wie radikal das neue Design aussieht. Sobald Adressen wegfallen, umziehen oder neu geschnitten werden, bist du auf Weg 3, auch wenn das Design gleich bleibt. Diese Frage stelle ich in jedem Erstgespräch, weil sie das Risiko besser vorhersagt als jedes Briefing. Wer sie nicht beantworten kann, hat kein URL-Inventar, und das ist bereits der erste Befund.
Die Preisrahmen für Weg 2 und Weg 3 erzähle ich hier nicht nach, sondern verlinke sie: Auf unserer Seite zum Website-Relaunch stehen sie mit dem jeweiligen Leistungsumfang, inklusive Audit-Einstieg. Wenn du das gegen einen kompletten Neubau halten willst, hilft der Preisartikel Was kostet eine Unternehmenswebsite 2026. Die eigentlich entscheidende Größe steht aber in keinem dieser Angebote, weil sie erst nach dem Go-Live anfällt.
Der Zeitpreis: was jeder Weg an Sichtbarkeit kostet
Vorab zur Klärung: Der Zeitpreis ist nicht die Projektlaufzeit. Er ist die Zeit, die nach dem Go-Live vergeht, bis deine organische Sichtbarkeit wieder auf dem Niveau von davor liegt. In dieser Zeit zahlst du das neue Design und bekommst weniger Anfragen als vorher. Zwischen den drei Wegen unterscheidet sich diese Zeit um Größenordnungen, und genau das erklärt fast niemand.
Weg 1 kostet keine Zeit. URLs bleiben bestehen, Signale bleiben bestehen, du veränderst Seiten einzeln und misst nach jeder Etappe. Wenn eine Änderung schadet, siehst du das an einer Seitenvorlage und nicht an der ganzen Domain.
Weg 2 kostet Tage bis Wochen. Solange jede Adresse erhalten bleibt, bleiben auch die Signale an ihr hängen; Google muss lediglich die veränderten Vorlagen und Inhalte neu erfassen. Bewegt ein Teil-Relaunch doch einzelne Adressen, gilt für diesen Anteil Googles Erfahrungswert für Umzüge mit URL-Wechsel: „a small to medium-sized website can take a few weeks for most pages to move". Voraussetzung ist dann eine vollständige Weiterleitungskarte mit permanenten Weiterleitungen.
Weg 3 kostet ein Jahr, wenn du Pech hast. Hier liegen erstmals belastbare Daten vor. SALT.agency hat im Juni 2026 1.052 Domain-Migrationen ausgewertet. Der Median bis zur Erholung liegt bei 304 Tagen, der Mittelwert bei 489 Tagen. Nach 90 Tagen hatten sich 22,8 Prozent erholt, nach 120 Tagen 27,8 Prozent. Rund 42 Prozent brauchten länger als zwölf Monate, und 13,9 Prozent erreichten ihr altes Niveau innerhalb von drei Jahren nie wieder. Erholung ist dabei streng definiert als der Punkt, an dem der monatliche organische Traffic der neuen Domain den Wert der alten Domain vor der Migration erreicht oder übertrifft.
Diese Eingrenzung ist wichtig, deshalb steht sie im selben Absatz: SALT hat Domain-Migrationen gemessen. Die Zahlen sind das Preisschild für Weg 3, nicht für jeden Relaunch. Wer die Domain behält und nur Vorlagen tauscht, kauft keine 304 Tage. Wer die URL-Struktur bei gleicher Domain umbaut, liegt irgendwo dazwischen, und jede Übertragung der SALT-Werte auf diesen Fall ist eine Schätzung. Zur Datenbasis gehört außerdem ein ehrlicher Hinweis: Die Zahlen stammen aus eigenen Fällen der Agentur und aus Hunderten aus der SEO-Community beigesteuerten Migrationen, also nicht aus einer Zufallsstichprobe.
Die Verteilung lohnt einen zweiten Blick, weil sie gegen die eigene Intuition läuft. Rund 42 Prozent heißt: Gut vier von zehn Projekten liegen ein Jahr nach dem Umzug noch unter ihrem Ausgangswert. Und der große Abstand zwischen Median und Mittelwert, 304 zu 489 Tagen, verrät den Rest. Die Ausreißer nach oben sind lang und zahlreich genug, um den Durchschnitt um mehr als ein halbes Jahr über den Median zu heben. Ein Relaunch ist damit keine Wette mit engem Ausgang, sondern eine mit einer langen rechten Flanke.
Zwei Fristen ergänzen das Bild. Google Search Console priorisiert nach einer gemeldeten Adressänderung für 180 Tage die neue Property und leitet Signale weiter. Google empfiehlt zugleich, Weiterleitungen so lange wie möglich zu halten, „generally at least 1 year". Beides sagt dasselbe: Ein Domainwechsel ist kein Ereignis, sondern ein Zustand über Quartale.
Zum Vergleich der Umgang der Branche mit dieser Frage: Mehrere gut rankende Ratgeber nennen Erholungszeiten von einigen Wochen bis zu wenigen Monaten. Ich habe nach den Belegen dafür gesucht und keinen Datensatz gefunden, auf den sich diese Angaben stützen. Vor allem unterscheidet keine dieser Angaben zwischen einem Umbau bei gleichen URLs und einer echten Migration. Das ist der Faktor, der die Dauer wirklich bestimmt.
Die Schwelle: vier Kriterien statt vierzehn Symptome
Jetzt die Auszahlung. Ein Kriterium erkennst du daran, dass du es prüfen kannst, ohne über Geschmack zu streiten. Diese vier erfüllen das.
Kriterium 1: Die gewünschte Veränderung erzwingt eine neue Informationsarchitektur, nicht neue Vorlagen. Prüffrage: Musst du Seiten anders schneiden, zusammenlegen, aufteilen oder in eine andere Hierarchie hängen, damit das Ziel erreichbar wird? Wenn die Antwort ja lautet, reden wir über Struktur. Wenn du nur andere Bausteine auf denselben Seiten willst, reden wir über Gestaltung.
Kriterium 2: Das jährliche Iterationsbudget erreicht das Problem strukturell nicht. Wenn 15 bis 20 Prozent der Initialkosten pro Jahr in Symptombehandlung fließen, ohne die Ursache zu berühren, ist das kein Budgetproblem, sondern ein Strukturproblem. Erkennbar daran, dass dieselbe Anforderung dreimal hintereinander als Sonderlösung gelöst wurde.
Kriterium 3: Das Redaktionssystem blockiert die Redaktion, nicht das Design. Der Unterschied ist scharf: Wenn dein Team für eine neue Landingpage die Agentur braucht, ist das System das Problem. Wenn eine neue Landingpage nur hässlich wird, ist es das Designsystem. Nur der erste Fall rechtfertigt einen Technologiewechsel, und für die Auswahl gibt es eine eigene Vorarbeit, die Beratung zur CMS-Auswahl.
Kriterium 4: Der erwartete Zugewinn übersteigt den Zeitpreis. Das ist das härteste. Wenn du auf Weg 3 landest, muss der erwartete Zugewinn mehr wert sein als rund ein Jahr gedämpfte organische Leistung. Rechne das mit deinen eigenen Zahlen durch: Anfragen pro Monat aus organischer Suche, durchschnittlicher Auftragswert, Abschlussquote. Wenn organische Suche den Großteil deiner Anfragen liefert, ist ein Jahr Delle ein teures neues Design.
Wie das konkret aussieht, zeigt ein Rechenbeispiel mit frei gewählten, runden Zahlen. Nimm an, deine Website bringt 30 qualifizierte Anfragen im Monat, 18 davon aus organischer Suche. Bei einer Abschlussquote von 20 Prozent und 30.000 Euro durchschnittlichem Auftragswert sind das gut 108.000 Euro Auftragswert pro Monat aus organischer Suche. Fällt diese Leistung nach einer Vollmigration über zwölf Monate im Schnitt um ein Drittel, kostet dich allein der Zeitpreis rund 430.000 Euro Auftragswert. Das Projektbudget kommt obendrauf. Rechne die Zahlen mit deinen eigenen Werten durch, bevor du ein Angebot vergleichst. Das Ergebnis verändert die Frage: Es geht nicht mehr darum, ob der Relaunch bezahlbar ist, sondern darum, ob der Zugewinn den Ausfall überhaupt einholen kann.
Meine Faustregel dazu, ausdrücklich als Faustregel und nicht als Naturkonstante: Trifft nur Kriterium 3 zu, tausche das System und behalte die URLs. Treffen zwei Kriterien zu, ist der Teil-Relaunch der richtige Weg. Für die Vollmigration müssen mindestens drei zutreffen, und Kriterium 1 muss dabei sein. Ohne Kriterium 1 gibt es keinen sachlichen Grund, die URL-Struktur anzufassen.
Was in dieser Liste bewusst fehlt: die Core Web Vitals. Die Schwellen sind bekannt und gelten am 75. Perzentil, nämlich LCP höchstens 2,5 Sekunden, INP höchstens 200 Millisekunden, CLS höchstens 0,1. INP hat FID am 12. März 2024 als Core Web Vital abgelöst. Diese Werte sind wichtig, aber sie sind fast immer ohne Neubau erreichbar. Wer wegen der Ladezeit relauncht, bezahlt eine Migration für ein Problem, das ein Frontend-Umbau löst.
Willst du einen Relaunch oder eigentlich ein Portal?
Ein Teil der Relaunch-Anfragen, die bei uns landen, ist gar keine Relaunch-Anfrage. Erkennbar am Wunschzettel: Kundenlogin, Dokumente pro Kunde, Preise nach Vertragsstaffel, Statusabfragen, Bestellhistorie. Das ist keine Website mehr, sondern eine Anwendung mit einer Website davor.
Der Unterschied ist nicht akademisch, sondern verändert Budget, Team und Betrieb. Eine Website ist ein Publikationssystem: Inhalte werden redaktionell gepflegt und öffentlich ausgeliefert. Ein Portal ist ein Rechtesystem: Es kennt Nutzer, Zustände und Berechtigungen, und es braucht Betrieb, Support und ein Datenmodell. Wenn du beides in einem Projekt bestellst, bekommst du ein schlechtes Portal und eine verspätete Website.
Es gibt einen unauffälligen Weg in diese Falle. Die Anforderung startet klein: ein Downloadbereich für Datenblätter, nur für Bestandskunden. Dann sollen Preise pro Kundengruppe sichtbar werden. Dann ein Formular, das den Vertragsstatus kennt. Jede einzelne Anforderung wirkt wie eine Erweiterung der Website, in Summe ist sie ein Produkt. Versteckst du das im Relaunch-Budget, verlierst du an zwei Stellen gleichzeitig. Der Termin rutscht, weil niemand die Rechteverwaltung eingeplant hat. Die öffentliche Website wird schlecht, weil die Aufmerksamkeit im Login hängt.
Die saubere Reihenfolge lautet deshalb: erst entscheiden, welche der beiden Sachen du baust, dann über den Relaunch reden. Die Abgrenzung mit Beispielen steht im Artikel Website, Webapp oder Portal. Ein Satz zur Einordnung: Sobald dein Anforderungskatalog das Wort „eingeloggt" enthält, ist das Relaunch-Budget die falsche Schublade.
Warum das BFSG für deine reine B2B-Website meist kein Relaunch-Grund ist
Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, und seitdem taucht es in Relaunch-Ratgebern als Treiber auf. Ich habe die rankenden Texte dazu durchgesehen: Mehrere führen das BFSG als Grund für einen Neubau an, keiner qualifiziert es für die B2B-Situation. Genau das gehört aber dazu.
Der entscheidende Punkt steht im Anwendungsbereich des Gesetzes: Es adressiert Produkte und Dienstleistungen, die für Verbraucher bestimmt sind. Dienstleistungen, die ausschließlich gegenüber anderen Unternehmen angeboten werden, fallen grundsätzlich nicht darunter. So lesen es auch die IHK-Hinweise aus dem Jahr 2025. Die knüpfen das allerdings an eine Bedingung: Die Website muss sich ausschließlich an Geschäftskunden richten. Verbraucher dürfen über sie weder Leistungen nutzen noch Verträge abschließen. Hinzu kommt eine Ausnahme für Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen, und zwar kumulativ: weniger als 10 Beschäftigte und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz beziehungsweise Jahresbilanzsumme. Beide Bedingungen müssen zusammen erfüllt sein, und für Produkte im Sinne des Gesetzes greift diese Ausnahme nicht.
Bevor du dich darauf verlässt, prüfe die Kanten. Erfahrungsgemäß rutschen Unternehmen über Details doch in den Anwendungsbereich: ein Shop, der auch an Privatpersonen liefert, eine verbindliche Terminbuchung für Endkunden, ein Ticketverkauf, ein Kundenkonto mit Verbraucherzugang. Sobald irgendwo eine Leistung an Verbraucher angeboten wird, ändert sich die Bewertung. Das hier ist eine Einordnung aus der Projektpraxis und keine Rechtsberatung: Wenn es eng wird, lass es juristisch prüfen.
Und der wichtigere Teil: Selbst wenn Barrierefreiheit für dich verpflichtend wäre, folgt daraus kein Relaunch. Kontrastwerte, Fokusreihenfolge, Beschriftungen von Formularfeldern, Alternativtexte, Bedienbarkeit per Tastatur, korrekte Überschriftenebenen: Das sind Arbeiten am Frontend und an den Inhalten. Sie laufen in Etappen, kosten einen Bruchteil und benötigen keine einzige neue URL. Barrierefreiheit ist ein hervorragender Grund für Weg 1. Als Argument für Weg 3 taugt sie nicht.
Was einen Relaunch wirklich zerlegt: frankfurt.de, 2020
Der bekannteste deutsche Fall ist alt und stammt nicht aus dem B2B, taugt aber als Lehrstück für die Mechanik. Als Risikobeleg für deine Situation solltest du ihn nicht lesen, als Fehlerkatalog schon.
SISTRIX hat im März 2020 den Relaunch von frankfurt.de analysiert. Das Projekt kostete rund 1,4 Millionen Euro. Die Analyse beziffert den Verlust mit knapp 50 Prozent Sichtbarkeit; für die mobilen Daten nennt SISTRIX gut 46 Prozent Sichtbarkeitsverlust seit der Woche zum 2. März 2020. Mobil fiel die Zahl der Top-10-Rankings von 1.337 auf 984, ein Verlust von über 400 Keywords binnen einer Woche. Der Stand ist damit sechs Jahre alt, die Ursachen sind es nicht.
Zwei Fehler reichten aus. Erstens wurden die alten Adressen mit temporären Weiterleitungen statt mit permanenten verbunden. Zweitens liefen etliche alte Pfade aus dem früheren System ins Leere: SISTRIX zählte zum 2. März 2020 noch 821 mobile Top-10-Rankings auf Adressen aus dem alten /sixcms/-Verzeichnis, die einen Fehler 404 zurückgaben. Kein Designproblem, kein Content-Problem: zwei Konfigurationsentscheidungen.
Daran hängt die Mechanik, die du für jeden Relaunch brauchst. Google wertet 301 und 308 als Signal für die Kanonisierung, also als Anweisung, das Ziel der Weiterleitung zu indexieren. Bei 302, 303 und 307 folgt der Crawler zwar der Weiterleitung, nutzt sie aber nicht als Kanonisierungssignal. Jede neue Adresse braucht zusätzlich ein selbstreferenzierendes Canonical-Tag. Weiterleitungsketten verfolgt Googlebot bis zu zehn Sprünge, empfohlen sind höchstens drei. Und die alten Weiterleitungen bleiben mindestens ein Jahr bestehen, besser länger.
Übertragbar ist daran nicht der Schadenswert, sondern das Muster. Eine Kommune hat andere Suchmuster als ein Maschinenbauer, und 2020 war die Suche eine andere als heute. Was sich nicht geändert hat: Weiterleitungen sind eine Aufgabe der technischen Abnahme, nicht der Nachsorge, und ein falscher Statuscode ist auf einer Website mit tausend Adressen tausendmal falsch.
Die Pointe: Der teuerste Teil eines Relaunches ist nicht das Design, sondern die Liste, die niemand sehen will. Wenn die Weiterleitungskarte erst nach dem Go-Live entsteht, hast du den Zeitpreis aus dem vorigen Abschnitt bereits bezahlt, ohne ihn je kalkuliert zu haben.
Wie lange das dauert, und warum das nicht die Projektlaufzeit ist
Die Frage nach der Dauer beantworten die meisten Ratgeber mit der Projektlaufzeit, und das ist auch die Zahl, die im Angebot steht. Wie du realistisch planst, ohne dich am ersten Workshop zu verrennen, steht im Artikel Wie du dein Website-Projekt realistisch timest. Wenn es schneller gehen muss, hilft das verdichtete Vorgehen aus dem Beitrag Vom Pitch zum Go-Live in 90 Tagen.
Der Bruch, den ich hier setzen will, ist einfach: Die Projektlaufzeit endet am Go-Live. Der Zeitpreis fängt dort erst an. Ein Projekt geht nach vier Monaten live und braucht anschließend noch drei Quartale, bis die organische Leistung wieder stimmt. Das gilt, sobald die URL-Struktur gewechselt hat. Wer nur die Projektlaufzeit plant, plant die Hälfte.
Diese Verwechslung hat handfeste Folgen für die interne Kommunikation. Wer der Geschäftsführung vier Monate zusagt, legt nach sechs Monaten die erste Auswertung vor. Das Ergebnis sieht schlechter aus als der Ausgangswert, obwohl das Projekt planmäßig verlief. Sag die Delle deshalb vorher an. Ein erwarteter Rückgang, der eintritt, ist ein Projektstand. Ein unerwarteter Rückgang ist eine Krise, und Krisen erzeugen hektische Gegenmaßnahmen, die den Schaden meist vergrößern.
Praktisch heißt das für deine Jahresplanung: Lege den Go-Live nicht kurz vor deine wichtigste Saison. Wenn dein Geschäft im ersten Quartal entschieden wird, gehört ein Relaunch mit Strukturwechsel ins zweite. Und wenn die Kampagne bereits gebucht ist, verschiebe lieber den Relaunch als die Kampagne.
Was du misst, bevor du irgendetwas anfasst
Die meisten Relaunch-Schäden sind nicht deshalb schlimm, weil sie passieren, sondern weil niemand sie belegen kann. Ohne Ausgangswerte ist jede Diskussion nach dem Go-Live Meinung gegen Meinung. Vier Dinge legst du deshalb vorher an, mit Datum.
Die Sichtbarkeits-Grundlinie. Sichtbarkeitsindex, Top-10-Rankings, organische Sitzungen und Anfragen aus organischer Suche, jeweils als Monatswerte der letzten zwölf Monate. Eingefroren, exportiert, mit Datum abgelegt.
Das URL-Inventar. Jede indexierte Adresse, jede Adresse mit Rankings, jede Adresse mit eingehenden Verweisen. Nicht die Seiten, die im Menü stehen: die Seiten, die Leistung bringen. Erfahrungsgemäß ist das eine andere Liste.
Die Weiterleitungskarte. Alte Adresse zu neuer Adresse, eins zu eins, permanent, ohne Ketten und ohne Sammelweiterleitungen auf die Startseite. Sie gehört in die Abnahme und nicht in die Nachsorge.
Das Messkonzept. Was zählt als Anfrage, wo wird sie gezählt, welches Ereignis löst sie aus. Wenn das Tracking mit dem Relaunch neu aufgesetzt wird, verlierst du die Vergleichbarkeit genau in dem Moment, in dem du sie brauchst. Warum die Messung in die Planungsphase gehört und nicht ans Ende, steht im Artikel Warum ein gutes Tracking-Setup Teil der Website-Planung ist.
Setze außerdem vorab die Messpunkte fest, an denen du nachschaust: Tag 7 für technische Fehler, Tag 30 für die Indexierung, Tag 90 und Tag 180 für die Sichtbarkeit. Wer erst nach einem halben Jahr hinsieht, verwechselt einen Konfigurationsfehler mit einem Marktproblem.
Nächste Schritte
Deine Entscheidung passt in einen Satz: Iteration schlägt den Relaunch, solange Informationsarchitektur und Technologie tragen, und der Relaunch ist gerechtfertigt, wenn die Struktur selbst das Problem ist. Alles andere ist ein Anlass.
Die Kurzfassung zum Mitnehmen. Prüfe die vier Kriterien ehrlich. Trifft nur das Redaktionssystem zu, wechsle das System und behalte die URLs. Treffen zwei zu, plane einen Teil-Relaunch mit stabiler URL-Struktur. Erst wenn mindestens drei zutreffen und die Informationsarchitektur darunter ist, ist die Vollmigration die richtige Antwort, und dann kalkulierst du den Zeitpreis in die Wirtschaftlichkeitsrechnung ein.
Wenn du wissen willst, wie sich das in deinem Fall rechnet, führt der kürzeste Weg über eine Bestandsaufnahme: Sichtbarkeits-Grundlinie, URL-Inventar, Bewertung der Informationsarchitektur. Auf unserer Seite zum Website-Relaunch findest du die drei Wege mit Preisrahmen, Leistungsumfang und den Messpunkten, die wir vertraglich zusagen. Und wenn du die Entscheidung lieber einmal gegen jemanden durchsprichst, der die Gegenrechnung aufmacht statt eines Angebots: Termin buchen.
