MVP (Minimum Viable Product), Prototyp oder Proof of Concept? Der Unterschied und wann du was brauchst

Ein Proof of Concept prüft, ob es technisch geht, ein Prototyp, ob Nutzer die Lösung verstehen. Ein MVP (Minimum Viable Product) prüft, ob Kunden das Produkt nutzen und bezahlen, ein Pilot, ob es im echten Betrieb trägt. Welche Stufe du zuerst brauchst, entscheidet dein größtes Risiko, nicht das Budget. Im B2B zählt erst die unterschriebene Pilotvereinbarung.
13 Min. LesezeitMatthias RadscheitMatthias Radscheit
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TL;DR

Ein Proof of Concept prüft, ob es technisch geht, ein Prototyp, ob Nutzer die Lösung verstehen. Ein MVP (Minimum Viable Product) prüft, ob Kunden das Produkt nutzen und bezahlen, ein Pilot, ob es im echten Betrieb trägt. Welche Stufe du zuerst brauchst, entscheidet dein größtes Risiko, nicht das Budget. Im B2B zählt erst die unterschriebene Pilotvereinbarung.

  • Vier Stufen, vier Fragen: Der Proof of Concept prüft die Technik, der Prototyp die Bedienung, das MVP die Zahlungsbereitschaft, der Pilot den echten Betrieb.
  • Ein MVP ist kein halbiertes Endprodukt: Es bringt einen Kernablauf vollständig zu echten Kunden und liefert Messwerte statt Meinungen.
  • Marktpreise laut Anbietern, abgerufen im Oktober 2026: Klickdummy ab 3.000 Euro, Proof of Concept 5.000 bis 50.000 Euro, Software-MVP 15.000 bis 50.000 Euro, mit No-Code-Werkzeugen 3.000 bis 10.000 Euro.
  • Ein PoC beweist Machbarkeit, er ist kein Produkt. Beschließe vor dem Start, ob sein Code weiterlebt, statt ihn nach dem ersten Erfolg live zu schalten.
  • Product-Market-Fit misst du bei vielen Nutzern mit dem 40-Prozent-Test von Sean Ellis. Im B2B zählt die unterschriebene Pilotvereinbarung mit Preis und Entscheidungsdatum.

Vier Begriffe, vier offene Fragen

Proof of Concept, Prototyp, MVP und Pilot stehen in Pitchdecks und Angeboten oft im selben Satz, beantworten aber vier verschiedene Fragen. Willst du ein MVP entwickeln lassen, stellen wir im Erstgespräch deshalb zuerst eine Rückfrage: Welche Unsicherheit soll das Ergebnis beseitigen? Davon hängt ab, welche der vier Stufen du brauchst:

  • Proof of Concept: Geht es technisch überhaupt?
  • Prototyp: Verstehen Nutzer die geplante Lösung, bevor sie gebaut ist?
  • MVP (Minimum Viable Product): Nutzen echte Kunden das Produkt, und zahlen sie dafür?
  • Pilot: Trägt die Lösung im echten Betrieb, und lohnt sich die Einführung in voller Breite?

Die richtige Stufe ergibt sich aus dem größten Risiko deines Vorhabens, erst danach kommt das Budget. Ich schreibe aus der Sicht von Umsetzern: Wir sind sieben Leute in Berlin und haben über 150 Projekte abgeschlossen. Du bekommst je Stufe Zweck und Ergebnis, dazu Dauer und Marktpreise, soweit Anbieter sie veröffentlichen. Außerdem zeige ich dir den Ablauf der MVP-Entwicklung, zwei teure Fehler und die Messgröße, an der du im B2B erkennst, ob ein MVP trägt.

Was ist ein MVP? Die Definition hinter dem Kürzel

Ein MVP (Minimum Viable Product) ist die erste Version eines Produkts, die echten Kunden schon einen Nutzen bietet und dir zeigt, ob sie es wollen. Den Begriff prägte laut Wikipedia der Unternehmer Frank Robinson im Jahr 2001, bekannt machten ihn Steve Blank und Eric Ries.

Ries definierte das MVP 2009 als die Version eines neuen Produkts, mit der ein Team bei geringstem Aufwand ein Maximum an belegtem Wissen über seine Kunden gewinnt. Im selben Text steht der wichtigere Satz: «MVP, despite the name, is not about creating minimal products.» Trotz des Namens geht es also nicht um minimale Produkte: Ein MVP ist kein abgespecktes Endprodukt, sondern ein Werkzeug zum Lernen.

Steve Blank erzählt dazu von einem kleinen Start-up in Stanford, das Landwirten Felddaten verkaufen wollte. Geplant waren der Kauf von Drohne, Hyperspektralkamera und Bildverarbeitungssoftware, danach Monate an Integrationsarbeit. Blanks Rat: ein Flugzeug oder einen Hubschrauber mieten und die Daten von Hand auswerten. Denn zu prüfen war nicht die Technik, sondern ob Landwirte für die Daten zahlen.

Auch Dropbox prüfte die Nachfrage zuerst mit einem Video statt mit Software: Laut Gründer Drew Houston wuchs die Warteliste für die Beta über Nacht von 5.000 auf 75.000 Menschen.

Marty Cagan nennt solche Experimente lieber «MVP Test», damit niemand sie mit einem Produkt verwechselt. Ein MVP muss für ihn drei Bedingungen erfüllen: Menschen wählen oder kaufen es, sie verstehen die Bedienung, und das Team kann es mit den vorhandenen Mitteln liefern.

Vom Prototyp grenzt die von der KfW unterstützte Gründerplattform das MVP über den Nutzen ab: «Anders als ein Prototyp, der noch nicht zwingend funktions- und verkaufsfähig sein muss, muss ein MVP dem Kunden bereits einen Nutzen bieten.»

MVP-Entwicklung: Ablauf, Dauer und Marktpreise

Aus diesen Definitionen ergibt sich ein Ablauf in vier Schritten, egal ob du selbst baust oder bauen lässt:

  1. Annahme festlegen: Du schreibst auf, welche Annahme das MVP prüft und an welcher Zahl du sie misst.
  2. Kernablauf schneiden: Du wählst einen Ablauf, den echte Kunden von Anfang bis Ende durchlaufen, und streichst den Rest.
  3. Starten und messen: Echte Kunden nutzen das Produkt, und du sammelst Messwerte statt Meinungen.
  4. Entscheiden: Die Zahlen bestimmen, ob du ausbaust, umbaust oder stoppst.

Für die MVP-Entwicklung nennen Anbieter 4 bis 12 Wochen (decivo, April 2026), 6 bis 16 Wochen (Wilde-IT, Juli 2025) oder 6 bis 20 Wochen (TJ Labs, März 2026). TJ Labs begründet die Spanne mit der Komplexität des Vorhabens.

Für ein funktionsfähiges Software-MVP nennen decivo und xmethod 15.000 bis 50.000 Euro. Darunter liegen schmale Einstiege: Ein MVP mit No-Code-Werkzeugen kostet laut decivo 3.000 bis 10.000 Euro. TJ Labs setzt für ein MVP als Smartphone-App 35.000 bis 90.000 Euro an, für eines mit KI-Funktionen 50.000 bis 150.000 Euro. Das Etikett MVP sagt also wenig über den Preis; es kommt auf den Zuschnitt des Kernablaufs an.

Prototyp, Proof of Concept und Pilot: die anderen drei Stufen

Prototyp und Proof of Concept liegen meist vor dem MVP, ein Pilot oft danach oder bei Firmenkunden parallel dazu. Gemeinsam ist allen dreien: Am Ende steht eine Entscheidung, kein fertiges Produkt.

Prototyp und Klickdummy: Verstehen Nutzer die Lösung?

Für die Nielsen Norman Group ist ein Prototyp eine Hypothese: ein Lösungsentwurf für ein bestimmtes Gestaltungsproblem. Das reicht von der Skizze ohne klickbare Elemente bis zum detailgetreuen Entwurf mit echten Texten. Ein Klickdummy ist laut t2informatik «ein klickbarer Prototyp mit sehr geringem Funktionsumfang», der früh Rückmeldungen von Anwendern ermöglicht.

Getestet wird mit wenigen Menschen: Nach Jakob Nielsen findet eine Runde mit fünf Testpersonen 85 Prozent der Bedienprobleme, danach folgen Überarbeitung und nächste Runde. Im Design Sprint von GV, früher Google Ventures, entsteht der Prototyp an einem Tag, weil er nur die Oberfläche zeigt, die Kunden sehen. Wie das bei Websites aussieht, beschreibt unser Beitrag zum Design Sprint in fünf Tagen.

Deshalb gehört der Prototyp vor das Lastenheft, nicht dahinter. Warum ein 80-seitiges Lastenheft vor dem ersten Prototyp ein typischer Fehler ist, zeigt unser Ratgeber zu Individualsoftware.

Ein Klickdummy entsteht laut decivo in ein bis zwei Wochen ab 3.500 Euro, TJ Labs nennt ab 3.000 Euro. Für Prototypen im Allgemeinen setzt Wilde-IT 3 bis 8 Wochen an, ein programmierter Prototyp kostet bei decivo ab 12.500 Euro. Selbst gebaut kostet ein Klickdummy nur Zeit, denn der kostenlose Starter-Tarif von Figma enthält interaktive Prototypen.

Neu ist eine Grauzone: KI-Baukästen wie Lovable erzeugen aus einer Beschreibung einen lauffähigen Prototyp samt Datenbank. Der wirkt wie ein Produkt, bleibt aber ein Prototyp, bis Betrieb, Zugriffsrechte und Datenmodell geklärt sind.

Proof of Concept: Geht es technisch?

Ein Proof of Concept (PoC), auf Deutsch Machbarkeitsnachweis, ist laut Wikipedia «ein Meilenstein, an dem die prinzipielle Durchführbarkeit eines Vorhabens belegt ist». Er richtet sich an Team, Geldgeber oder IT, nicht an Kunden. Typische Fragen lauten: Liefert die Schnittstelle des ERP-Systems die Daten schnell genug? Erkennt ein Sprachmodell die Belegart zuverlässig?

Zum PoC gehört laut Wikipedia in der Regel ein technischer Prototyp mit der benötigten Kernfunktion. In diesem Artikel meint «Prototyp» dagegen den Entwurf für Nutzer, wie ihn die Nielsen Norman Group beschreibt. Am klarsten trennt beide deshalb die Frage, was geprüft wird: Der PoC prüft die Technik, der Nutzer-Prototyp die Wirkung auf Menschen. Ein gelungener PoC zeigt, was möglich ist, aber nicht, ob es jemand will.

Zur Dauer nennen Anbieter 1 bis 2 Wochen (decivo), 2 bis 6 Wochen (Wilde-IT) oder 2 bis 8 Wochen (computech). Die computech GmbH beziffert einen kleinen PoC mit 5.000 bis 15.000 Euro, einen mittleren mit 15.000 bis 35.000 Euro und einen großen mit 35.000 bis 50.000 Euro.

Wilde-IT rechnet mit 8 bis 30 Personentagen plus Infrastruktur. Mit acht Stunden je Tag und dem Median-Stundensatz freier Software- und Webentwickler von 90 Euro (freelancermap, Juli 2026) sind das 5.760 bis 21.600 Euro, gerechnet zum Freelancer-Median.

Ein PoC ist kein reines Start-up-Werkzeug. Bei KI-Vorhaben klärt er, ob die einfachste Stufe reicht, etwa ein guter Prompt oder eine Suche in eigenen Dokumenten; dazu passt unser Ratgeber Eigenes KI-Modell trainieren. Vor der Ablösung eines Altsystems belegt er, dass ein erstes Modul neben dem Bestand laufen kann.

Pilot: Trägt es im echten Betrieb?

Ein Pilotprojekt ist laut dem Thesaurus der Europäischen Umweltagentur ein Experiment im kleinen Maßstab, das klären soll, ob und wie ein Vorhaben in voller Breite startet. Der Pilot läuft also unter echten Bedingungen, aber begrenzt auf einen Standort, eine Abteilung oder einen Kunden. Im Sprachgebrauch stecken dahinter drei verschiedene Dinge:

  • Prozess-Pilot: die erste Stufe einer Software für einen bekannten internen Ablauf. Das ist ein Fall für Individualsoftware, kein MVP, denn der Bedarf steht fest.
  • KI-Pilot: ein KI-Werkzeug im echten Betrieb, gemessen am bisherigen Prozess. Fünf Abbruchkriterien dafür stehen in unserem Fahrplan KI im Unternehmen einführen.
  • Pilotkunde: ein Firmenkunde, der dein MVP unter echten Bedingungen einsetzt. Seine Unterschrift unter eine Pilotvereinbarung zählt im B2B mehr als jedes Lob, dazu unten mehr.

Eine belastbare Marktspanne für Piloten haben wir nicht gefunden: Laufzeit und Preis hängen am Gegenstand und an der Vereinbarung mit dem Kunden. Fest steht nur eines: Ohne vereinbartes Ende wird aus dem Piloten ein Dauerprovisorium.

Der Unterschied auf einen Blick: MVP, Prototyp, PoC und Pilot

Die Tabelle fasst die vier Stufen zusammen. Lies sie spaltenweise, um eine Stufe zu verstehen, und zeilenweise, um die Stufen an einem Kriterium zu vergleichen. Dauer und Kosten sind veröffentlichte Anbieterangaben, keine Statistik, und sie streuen deutlich.

KriteriumProof of ConceptPrototyp / KlickdummyMVPPilot
KernfrageGeht es technisch?Verstehen Nutzer die Lösung?Nutzen und bezahlen Kunden das Produkt?Trägt es im echten Betrieb?
Wo geprüft wirdintern, ohne Kundenmit fünf Testpersonen je Rundebei echten Kunden im Marktan einem Standort, in einer Abteilung oder bei einem Kunden
ErgebnisJa oder Nein zur Machbarkeitgeprüfter EntwurfMesswerte zu Nutzung und ZahlungEntscheidung über die Einführung in voller Breite
Dauer laut Anbietern1 bis 8 Wochen1 bis 8 Wochen4 bis 20 Wochennach Vereinbarung
Kosten laut Anbietern5.000 bis 50.000 €0 € selbst gebaut, ab 3.000 € als Klickdummy, ab 12.500 € programmiert3.000 bis 10.000 € mit No-Code, 15.000 bis 50.000 € als Software-MVP, als App oder mit KI deutlich mehrkeine belastbare Marktspanne

Abgerufen am 10.10.2026; die datierten Anbieterangaben stammen von Juli 2025 bis Mai 2026. Die Quellen stehen bei den einzelnen Stufen im Text. Warum Angebote für dieselbe Anforderung um den Faktor 10 auseinanderliegen, erklärt unser Ratgeber zu den Kosten der Softwareentwicklung.

Maßstab ist dein größtes Risiko. Ist offen, ob die Technik trägt, beginnst du mit dem PoC. Ist offen, ob Menschen die Lösung verstehen, beginnst du mit dem Prototyp. Ist offen, ob jemand zahlt, beginnst du mit dem MVP.

Die Reihenfolge PoC, Prototyp, MVP, Pilot ist deshalb kein Pflichtprogramm. Viele Web-Produkte brauchen keinen PoC, weil ihre Technik erprobt ist. Und kein Klickdummy beweist, dass jemand bezahlt. Ob am Ende eine Website, eine Web-App oder ein Portal entsteht, ist eine zweite Frage; sie klärt unser Ratgeber Website, Web-App oder Portal.

Zwei teure Fehler: das MVP als halbe Software, der PoC als Produkt

Beide Fehler haben dieselbe Wurzel: Eine Stufe wird mit dem fertigen Produkt verwechselt. Der erste schneidet das MVP falsch zu, der zweite überschätzt den PoC.

Das MVP als halbe Software

Ein verbreiteter Denkfehler nimmt das «Minimum» wörtlich: Die Funktionsliste des geplanten Endprodukts wird halbiert, der Rest heißt MVP. Heraus kommt Software, die vieles ein bisschen kann und nichts ganz. Und sie beantwortet keine Frage, weil niemand damit einen Ablauf zu Ende bringt.

Cagans drei Bedingungen helfen beim Zuschnitt: wertvoll, bedienbar, machbar. Also lieber ein Kernablauf vollständig als fünf Abläufe zur Hälfte. Michael Seibel von Y Combinator rät, den Umfang an eine feste Frist zu binden, im Beispiel drei Wochen. Reicht die Zeit nicht, streichst du zuerst Unwichtiges, notfalls auch Wichtiges.

Unfertig aussehen darf ein MVP. Sein Fundament sollte trotzdem halten, falls die Zahlen für das Produkt sprechen. Deshalb setzen wir ein MVP auf einen Stack, der den Ausbau trägt, etwa Supabase auf PostgreSQL. Ein Neubau droht dann nur in drei Fällen: bei einem grundlegenden Kurswechsel, bei einem späten Wechsel von Passwort-Konten auf Firmenlogin und bei der Übernahme eines fremden Prototyps.

Der Proof of Concept als Produkt

Der umgekehrte Fehler: Ein PoC funktioniert, also geht er live. Gebaut wurde er aber für eine einzige Frage, oft ohne Konzept für Zugriffsrechte, ohne Tests und ohne tragfähiges Datenmodell. Die Skala für Technologiereife aus der EU-Forschungsförderung führt den «experimental proof of concept» auf Stufe 3 von 9. Ein System, das sich im echten Einsatz bewährt hat, steht auf Stufe 9.

Schon Fred Brooks warnte 1975 in «The Mythical Man-Month» davor, das erste Wegwerfsystem auszuliefern. Das verschaffe Zeit, aber nur «at the cost of agony for the user», also um den Preis der Qual für den Nutzer.

Gartner rechnete im Juli 2024 in einer Prognose damit, dass bis Ende 2025 mindestens 30 Prozent der Projekte mit generativer KI nach dem PoC aufgegeben würden. Als Gründe nannte Gartner schlechte Datenqualität, unzureichende Risikokontrollen, steigende Kosten und unklaren Geschäftswert. Drei dieser vier Gründe prüft ein reiner Machbarkeitstest gar nicht.

Bei KI-Baukästen droht dasselbe Muster. Lovable Cloud nutzt laut Lovable-Dokumentation die Open-Source-Grundlage von Supabase, Schema und Daten lassen sich exportieren. Einen Umzug per Knopfdruck in ein eigenes Supabase-Projekt gibt es aber nicht, und die Datenbank allein nimmt laut Lovable weder Anmeldung noch Dateispeicher, Realtime oder Edge Functions mit. KI-Funktionen und Anbindungen an Drittdienste richtest du am Ziel mit eigenen Konten neu ein oder ersetzt sie.

Wegwerfen ist dabei kein Scheitern, solange es eingeplant ist. Martin Fowler spricht von «Sacrificial Architecture»: Du akzeptierst schon heute, dass du das Gebaute in einigen Jahren (hoffentlich) wegwerfen musst. Sein Beispiel ist eBay: 1995 Perl-Skripte, 1997 ein Neubau in C++, 2002 der nächste in Java.

Live gehen darf Wegwerfcode also, wenn der Neubau von Anfang an eingeplant ist. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt: Du beschließt vor dem PoC, ob sein Code weiterlebt, statt nach dem Start festzustellen, dass er nicht trägt. Ein PoC beweist, dass etwas geht; ein Produkt muss beweisen, dass es jeden Tag geht.

Woran du erkennst, dass dein MVP trägt

Ein MVP ist ein Messinstrument. Es zeigt, ob du dich dem Product-Market-Fit näherst. Marc Andreessen definierte ihn 2007 so: «Product/market fit means being in a good market with a product that can satisfy that market», also ein guter Markt und ein Produkt, das ihn zufriedenstellt. Fehlt er, merkst du es laut Andreessen am Vertrieb: Abschlüsse dauern zu lange, und viele kommen nie zustande.

Wie oft er fehlt, zeigt eine Auswertung von CB Insights vom März 2026. Von 385 geschlossenen, mit Wagniskapital finanzierten Start-ups, deren Aus eine erkennbare Ursache hatte, scheiterten 43 Prozent auch an fehlendem Product-Market-Fit. Mehrfachnennungen waren möglich. Die Firmen der Stichprobe hatten im Median 11 Millionen Dollar eingesammelt.

Bis der Product-Market-Fit belegt ist, bleibt dein Team besser klein und beweglich, wie unser Beitrag Inhouse, Freelancer oder Agentur begründet.

Der 40-Prozent-Test für Produkte mit vielen Nutzern

Für Produkte mit vielen Nutzern gibt es einen einfachen Test von Sean Ellis. Du fragst aktive Nutzer: «Wie würdest du dich fühlen, wenn du das Produkt nicht mehr nutzen könntest?» Laut First Round Review kamen Firmen mit Wachstumsproblemen fast immer auf weniger als 40 Prozent «sehr enttäuscht», Firmen mit kräftigem Wachstum fast immer auf mehr.

Das E-Mail-Programm Superhuman lag im Sommer 2017 bei 22 Prozent. Beschränkt auf die passende Nutzergruppe waren es 33 Prozent, nach drei Quartalen Produktarbeit 58 Prozent. Eine verlässliche Richtung zeigt der Test laut Gründer Rahul Vohra ab rund 40 Antworten. Bei drei Pilotkunden sagt er also nichts.

Im B2B zählt die Pilotvereinbarung

Im B2B sieht ein MVP anders aus: wenige Kunden, lange Entscheidungswege und Käufer, die oft nicht selbst Nutzer sind. Ein «heavy MVP», also ein aufwendiges MVP, hält Seibel nur in wenigen Fällen für nötig, etwa in stark regulierten Branchen wie Versicherungen und Banken. Ein Lob im Demotermin zählt hier nichts. Zählen muss eine Zusage, die den Kunden etwas kostet.

Rob Fitzpatrick nennt in The Mom Test drei Währungen für solche Zusagen: Zeit, Reputation und Geld. Finanzielle Zusagen sind Absichtserklärung, Vorbestellung und Anzahlung. Für Designpartner, also Zielkunden, die vor dem Marktstart mitentwickeln, empfehlen laut Bessemer Venture Partners die meisten Praktiker fünf bis zwölf. Am Ende steht eine Ja-Nein-Frage, denn das Signal ist laut Bessemer der Wechsel zum zahlenden Kunden, nicht die Rückmeldung.

Für uns ist deshalb die unterschriebene Pilotvereinbarung die erste harte Messgröße eines B2B-MVP. Eine Absichtserklärung ist dabei nicht automatisch unverbindlich, warnt die IHK Frankfurt. In die Pilotvereinbarung gehören Laufzeit, Erfolgskriterien und der Preis nach dem Piloten, dazu ein Datum für die Entscheidung. Ein guter Pilotkunde kennt laut Steve Blank sein Problem, sucht aktiv nach einer Lösung und hat das Geld dafür oder kann es schnell beschaffen.

Mit dem Piloten beginnen die Einkaufsfragen. Verarbeitet dein MVP personenbezogene Daten im Auftrag des Kunden, verlangt Art. 28 DSGVO einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung. Dazu kommen Sicherheitsfragebogen, die unser Beitrag zum Trust Center behandelt, und oft der Wunsch nach Firmenlogin per Single Sign-on. Ob dafür Supabase Auth reicht, klärt ein eigener Ratgeber.

Auf Vorrat bauen solltest du trotzdem nicht: Ein MVP, das in sechs Monaten eingestellt werden darf, braucht keine eigene Infrastruktur für die Anmeldung, wie unser Beitrag zu den Kosten von Keycloak vorrechnet. Ein B2B-MVP kann zum Beispiel ein schmales Kundenportal sein: Anmeldung, eine erste Selbstbedienungsfunktion, echte Daten des Pilotkunden.

Nächste Schritte

Bevor du ein Angebot einholst, beantworte schriftlich drei Fragen. Welche Unsicherheit ist die größte: Technik, Bedienung oder Zahlungsbereitschaft? Wer entscheidet am Ende, und anhand welcher Zahl? Was passiert, wenn die Zahl ausbleibt?

Mit diesen Antworten weißt du, welche der vier Stufen du beauftragst, und jedes Angebot lässt sich daran messen. Lautet die Antwort MVP, findest du auf der Seite MVP entwickeln lassen, wie wir Umfang, Festpreis und Ausbau aufsetzen.

Lieber direkt sprechen? In einem unverbindlichen Gespräch von 30 Minuten ordnen wir dein Vorhaben gemeinsam ein, auch dann, wenn am Ende ein Klickdummy reicht. Bring mit, was schon da ist: Skizzen, einen ersten Entwurf, eine Liste möglicher Pilotkunden oder eine Absichtserklärung. Daran sehen wir schneller, welche Stufe fehlt und welche du überspringen kannst.

Häufige Fragen

Was bedeutet MVP auf Deutsch?
MVP steht für Minimum Viable Product, laut Wikipedia wörtlich ein «minimal brauchbares oder existenzfähiges Produkt». Gemeint ist die erste Version, die echten Nutzern schon einen Nutzen bietet und aus deren Gebrauch du lernst. Mit dem «Most Valuable Player» aus dem Sport oder dem Microsoft-Titel «Most Valuable Professional» hat der Begriff nichts zu tun.
Was ist der Unterschied zwischen MVP und Prototyp?
Ein Prototyp prüft, ob Nutzer eine geplante Lösung verstehen. Er muss weder funktionieren noch verkaufsfähig sein, oft reicht ein Klickdummy. Ein MVP ist ein echtes Produkt mit einem vollständigen Kernablauf: Echte Kunden nutzen es, und du misst, ob sie dafür zahlen. Ein Klickdummy ist deshalb nie ein MVP, sondern dessen mögliche Vorstufe.
Was kommt zuerst: Proof of Concept, Prototyp oder MVP?
Das größte Risiko bestimmt die Reihenfolge. Ist die Technik ungewiss, beginnst du mit dem Proof of Concept, sonst meist mit dem Prototyp. Das MVP folgt, wenn nur noch offen ist, ob jemand zahlt. Der Pilot kommt danach oder bei Firmenkunden parallel: Er prüft, ob die Lösung im echten Betrieb trägt.
Was ist der Unterschied zwischen Proof of Concept und MVP?
Ein Proof of Concept belegt nach innen, dass etwas technisch geht, etwa eine Schnittstelle oder eine KI-Funktion. Ein MVP prüft am Markt, ob Kunden ein Produkt nutzen und dafür zahlen. Der PoC endet mit Ja oder Nein zur Machbarkeit, das MVP mit Messwerten aus echtem Gebrauch. Beschließe vor dem PoC, ob sein Code weiterlebt.
Kann ich ein MVP mit einem KI-Baukasten wie Lovable bauen?
Einen lauffähigen Prototyp ja. Sobald Kundendaten und Zahlungen dazukommen, empfehlen wir einen Plan für Betrieb und Umzug. Laut Lovable-Dokumentation gibt es keinen Umzug per Knopfdruck vom eingebauten Backend in ein eigenes Supabase-Projekt. KI-Funktionen und Anbindungen an Drittdienste richtest du am Ziel mit eigenen Konten neu ein oder ersetzt sie.
Gibt es Förderung für Prototyp oder Proof of Concept?
Für Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen gibt es EXIST-Forschungstransfer: Phase I fördert unter anderem marktnahe Prototypen, die Vorbereitung des Proof of Concept und die Akquise von Pilotkunden, Phase II das gegründete Unternehmen mit bis zu 180.000 Euro. BIG-Digital in Brandenburg und die KI-Förderung MV zielen dagegen auf Digitalisierung und KI im eigenen Betrieb; für ein Produkt, das du an externe Kunden verkaufen willst, passen sie nicht. Die Förderung darf nie das Projekt begründen.

Quellen

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